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Chancen für Unternehmen: Tourismus in der MEO-Region
Lutz Trettin, Guido Zakrewski, Uwe Neumann
Im Zuge des seit den 1960er Jahren intensiv verlaufenden sozio-ökonomischen Wandels konnte sich das Ruhrgebiet immer erfolgreicher zu einem im nationalen und internationalem Vergleich bedeutendem Standort der Dienstleistungswirtschaft, der Wissenschaft und Kultur entwickeln. Allerdings stellte der Tourismus bis zum Beginn der 1990er Jahre eine Dienstleistungsbranche dar, die eher ein Nischendasein führte. Eine gewisse Ausnahme bildete die MEO-Region mit der Stadt Essen als wichtigster regionaler Destination für Geschäftsreisen zu Unternehmenszentralen, Messen, Tagungen und Konferenzen.
Seit etwa 15 Jahren haben sich an der Schnittstelle von Dienstleistungswirtschaft, Kultur sowie der Sanierung und baulichen Neugestaltung großflächiger Industriebrachen bemerkenswerte Prozesse vollzogen, die auch positiv auf die Entwicklung innovativer Formen des Städte- und Kulturtourismus wirkten. Als wesentliche Meilensteine gelten in diesem Kontext die Einrichtung der „Route der Industriekultur“ als einem wesentlichen Ergebnis der Internationalen Bauausstellung IBA (1989 – 1999), die Ernennung der Essener Zeche „Zollverein“ mit dem angeschlossenen Kokerei-Komplex als UNESCO-Weltkulturerbe im Jahr 2001 sowie die 2006 erfolgte Nominierung des Ruhrgebietes - mit der Stadt Essen als Bannerträger – zur Kulturhauptstadt Europas 2010.
Mittlerweile liegt im Bereich der Tourismusforschung eine beachtliche Zahl an Studien zur touristischen Inwertsetzung von Denkmälern der Industriekultur im Kontext regionalen Strukturwandels vor. Überraschenderweise enthalten diese Veröffentlichungen nur spärliche Informationen zur Entwicklung des Unternehmensbestandes in den neu entstehenden Tourismusbranchen der betrachteten Städte bzw. Regionen. Dabei können Erkenntnisse über die Unternehmensentwicklung wichtige Hinweise für die weitere langfristige Entwicklung des Tourismus nach dem ereignisreichen Jahr 2010 geben.
An dieser Stelle setzt eine Untersuchung an, in der das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung Essen (RWI) gemeinsam mit der IHK zu Essen analysierte, wie sich der Unternehmensbestand im Beherbergungsgewerbe der MEO-Region bezüglich Betriebsgröße und räumlicher Verteilung in den vergangenen zwei Jahrzehnten entwickelte. Weiterhin wurde untersucht, welche Rolle junge Essener Kleinunternehmen bei der Nutzung des industrietouristischen Potenzials spielen und in welche regionalen Beziehungsgeflechte sie dabei eingebunden sind. Eine wesentliche Informationsquelle stellte die IHK-Datenbank dar. Deren tourismusrelevanten Segmente wurden im Studienverlauf erheblich ergänzt und für ein langfristiges, leicht zu handhabendes Monitoring und weitere Analysen spezifiziert.
Als zentrales Ergebnis der Untersuchung ist festzuhalten, dass sich in der MEO-Region – beispielhaft für das gesamte Ruhrgebiet – die Zahl der Beherbergungsstätten, der angebotenen Betten sowie der Übernachtungen absolut und je Einwohner spürbar verbessert haben. Am Beispiel der Stadt Essen wird besonders deutlich, dass bei den Hotels kleine Unternehmen mit bis zu 20 Zimmern zwischen 1990 und 2009 erheblich an Bedeutung gewannen. Vor 20 Jahren betrug ihr Anteil an den 30 Hotels der Stadt nur 23 %. Am Vorabend des Kulturhauptstadtjahres 2010 entfiel auf sie ein Anteil von 34% der nunmehr 68 Hotels. Das Gewicht sehr großer Hotels (61 und mehr Zimmer) ist in diesen 20 Jahren mit 23 bis 24 % gleich geblieben. Die Zahl der Hotelstandorte in dieser Kategorie erhöhte sich von 6 (1990) auf 16 (2009). Somit ist die Bedeutung der mittelgroßen Herbergen – trotz absoluten Wachstums von 14 auf 29 Häuser – von knapp 54% auf 43% gesunken. Ein für Essen und die gesamte Region völlig neues Segment entwickelte sich mit „Bed & Breakfast“ – Anbietern (B&B). Im Jahr 1990 verfügte Essen faktisch über keine Anbieter in diesem Segment. Für das Jahr 2009 konnten 102 Kleinunternehmen als B&B-Anbieter erfasst werden.
Hinsichtlich der Inwertsetzung industrietouristischer Potenziale ist es besonders bemerkenswert, dass sich die kleinen Hotels und B&B-Anbieter überwiegend im Umfeld der Denkmäler der Industriekultur angesiedelt haben. In der Stadt Essen ist dies der nördliche Stadtbereich. Insbesondere dort wurden funktionierende Kooperationen zwischen B&B-Anbietern, neuen Anbietern von spezialisierten Stadtführungen, Gasthäusern und Catering-Firmen mit regionaltypischem Angebot etabliert. In der Analyse wurden die quartiersspezifischen Entwicklungen und Tourismuspotenziale in der Stadt Essen im Einzelnen betrachtet.
Bezüglich des zeitlichen Entwicklungspfades hat die Analyse ergeben, dass die entscheidenden Anstöße in der Entwicklung des Unternehmensbestandes von den Entscheidungen der UNESCO (2001) und der Verleihung des Titels „Kulturhauptstadt Europas 2010“ (im Jahr 2006) gegeben wurden. Zudem profitiert die junge Tourismuswirtschaft von den strukturellen Vorleistungen (semi-) öffentlicher Einrichtungen. Seit dem Beginn der 1990er Jahre wurden in allen Städten und Kreisen des Reviers Einrichtungen geschaffen, die sich dezidiert der Tourismusförderung widmen. Mit der RuhrTourismus GmbH (RTG) agiert zudem eine Einrichtung, die regional angelegte Entwicklungs- und Vermarktungskonzepte erarbeitet und umsetzt. Sie wurzeln wiederum in den entsprechenden Konzepten der Landeregierung NRW. Zudem hat sich gezeigt, dass die enge Verknüpfung von städtebaulicher, sozialer und wirtschaftlicher Revitalisierung im unmittelbaren Umfeld der altindustrialisierten Standorte ein fruchtbares „Saatbeet“ für die Entwicklung von Kleinunternehmen im Tourismus geschaffen hat. In diesem Zusammenhang sind u.a. Maßnahmen im Rahmen des Förderprogrammes „Soziale Stadt“ zu nennen.
Nach dem erfolgreichen Abschluss des Kulturhauptstadtjahres bleiben wichtige Fragen zur zukünftigen Entwicklung des Tourismus in der MEO-Region und im gesamten Ruhrgebiet zu erörtern. Welche Bereiche des Städtetourismus können in Ergänzung zur Industriekultur entwickelt und für unternehmerische Initiativen stärker erschlossen werden? Welche Anforderungen ergeben sich für die tourismusorientierte Gründungsförderung im kommenden Jahrzehnt, in welchen Bereichen sollte die touristische Vermarktung Schwerpunkte setzen? In welchen Bereichen kann und soll sich der Tourismus an der Ruhr entwickeln? Welche Rolle spielt dabei die Wirtschaft?
Dem Tourismus kommt jedenfalls als Wirtschafts- und Standortfaktor ein deutlich zunehmender Stellenwert in der Region bei. Das Kulturhauptstadtjahr hat zur steigenden Bedeutung des Tourismus, aber vor allem zur Imageverbesserung innerhalb und außerhalb der Region erheblich beigetragen. Auf dem weiteren Weg zur Tourismusdestination Ruhr sind weiterhin zahlreiche Aufgaben in unterschiedlichen Bereichen zu lösen, doch es ist mehr als nur ein Anfang gemacht.
Quellenhinweis:
Trettin, L., Zakrzewski, G. und U.Neumann (2011), Tourismus in Essen und dem Ruhrgebiet: Große Chancen für kleine Unternehmen !? In: Steinecke A. und A. Kagermeier (Hrsg.), Kultur als touristischer Standortfaktor Potenziale - Nutzung – Management. Paderborner Geographische Studien zu Tourismusforschung und Destinationsmanagement.
Industrie- und Handelskammer für Essen,
Mülheim an der Ruhr, Oberhausen zu Essen
Am Waldthausenpark 2
45127 Essen
Postadresse: 45117 Essen
Fon: 0201 / 1892 - 0
Fax: 0201 / 1892 - 172
E-Mail: ihkessen@essen.ihk.de
Internet: www.essen.ihk24.de
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