12.,03.2018

Halbzeit der Brexit-Verhandlungen

Die bislang ergebnislosen Brexit-Verhandlungen belasten die Geschäfte mit Großbritannien spürbar, erklärt die Industrie- und Handelskammer für Essen, Mülheim an der Ruhr, Oberhausen zu Essen (IHK). Die Unsicherheit bei international aktiven deutschen Firmen in Sachen Brexit ist groß und sorgt für eine sehr negative Beurteilung der Geschäftsperspektiven – entgegen dem Trend für den Rest der EU. Das sind zentrale Ergebnisse der Sonderauswertung „Auswirkungen des Brexit“ im Rahmen der bundesweiten Unternehmensbefragung „Going International 2018“ der IHK-Organisation.
„Die Zeit der diplomatischen Floskeln muss zum Ende kommen, die Wirtschaft braucht konkrete Ergebnisse und Planungssicherheit beim Brexit! In der MEO-Region sind allein über 500 Unternehmen mit direkten Geschäftsbeziehungen in das Vereinigte Königreich betroffen, die ein Handelsvolumen von rund 1,5 Milliarden im Jahr generieren“, so IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Gerald Püchel zur Halbzeit bei den Brexit-Verhandlungen. „Der bereits angerichtete Schaden muss so klein wie möglich gehalten werden. Jede weitere Verzögerung konkreter Ergebnisse verhindert Geschäft und verstärkt die negativen Effekte“, so Püchel weiter.
Die Antworten der Unternehmen in der aktuellen IHK-Umfrage untermauern das: Während die Geschäftsaussichten im EU-Raum für 2018 insgesamt sehr optimistisch beurteilt werden, bewerten nur noch 12 Prozent der Unternehmen ihre Geschäftsperspektiven im Vereinigten Königreich positiv – 36 Prozent jedoch negativ. Der Effekt ist auch in Zahlen messbar: Während das Gesamtvolumen der Exporte aus Deutschland 2017 um 5 Prozent wuchs, schrumpfte der bundesweite Export Richtung Großbritannien um fast 2 Prozent.
Bei mehr als der Hälfte (55 Prozent) der Unternehmen mit Geschäftsverbindungen nach Großbritannien herrscht aufgrund der fehlenden Verhandlungsfortschritte selbst nach unternehmensinternen Analysen weiterhin Unklarheit über mögliche Auswirkungen des Brexit auf ihr Großbritannien-Geschäft.
Priorität haben für die befragten Unternehmen der Erhalt des freien Warenverkehrs (91 Prozent), gefolgt von der Beibehaltung einer verhältnismäßig geringen bürokratischen Belastung (86 Prozent). So dürften allein 170.000 zusätzliche Zollanmeldungen pro Jahr auf die MEO-Unternehmen zukommen.
Ein konstruktives Verhandlungsergebnis zeichnet sich derzeit nicht ab. Aus einem „harten Brexit“ droht ein „no-deal-Brexit“ zu werden. Die Konsequenzen können bei diesem Szenario für einzelne Unternehmen gravierend sein. „Die potentiellen negativen Effekte des Brexit beschränken sich nicht auf die Verteuerung von Waren durch Zölle oder ‚ein paar mehr Formulare‘ – das ist schmerzlich aber beherrschbar – sondern auf zahlreiche Themenfelder“, erläutert Püchel. Ein Auszug: Lieferketten geraten ins Wanken, Produkte verlieren ihre Marktzulassung, Investitionen werden zurückgehalten, personell unzureichend besetzte britische Zollstellen verzögern Geschäfte erheblich, Verträge können nicht mehr erfüllt werden, Mitarbeiter dürfen nicht mehr entsandt werden usw. Die baldige Einigung auf eine Übergangsphase, in der die bisherigen Regeln fortgelten, ist dringend geboten.
Hauptleidtragende des Brexit dürften kleine und mittelständische Unternehmen werden, die aufgrund fehlender personeller Ressourcen und mangelnder Zollrechtskenntnisse nur im EU-Binnenmarkt agieren und Unternehmen, bei denen Großbritannien bislang integraler Bestandteil einer internationalen Liefer- bzw. Produktionskette ist. Auf Branchen bezogen dürfte der Brexit in der MEO-Region v. a. Firmen aus den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik und Chemie negativ betreffen.
Zur Umfrage „Going International“: „Going International“ ist die größte, jährlich durchgeführte bundesweite Umfrage der IHK-Organisation zum Auslandsgeschäft - koordiniert vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Auch in diesem Jahr haben sich erneut deutlich mehr als 2.000 Unternehmen in der Umfrage geäußert; 900 von ihnen auch zum Brexit. Die Antworten liefern die Grundlage für die Sonderauswertung „Auswirkungen des Brexit“. Die Publikation ist auf der IHK-Homepage www.essen.ihk24.de unter der Dokumenten-Nummer 3465350 abrufbar.