Essen Frintrop-Bedingrade

Stadtteilentwicklung reloaded

Stadtteile – Bedeutungsverlust vorprogrammiert?

Stadtteile sind ein integraler und wichtiger Bestandteil im Konzert der gesamtstädtischen Entwicklung. Viele Stadtteile – und die davon umfassten Stadtquartiere oder auch nur einzelne Straßenabschnitte – weisen oft sehr eigenständige, unverwechselbare oder abwechslungsreiche Charakteristika auf. Neben der Versorgungsfunktion und der Bedeutung als Wohn- und Arbeitsort dienen sie häufig als Identifikations- und Kommunikationsort der im Stadtteil lebenden Bürgerinnen und Bürger.

Wesentlich für funktionierende Stadtteile ist die verbrauchernahe, wohnortnahe Versorgung der ansässigen Bevölkerung zumindest mit Gütern und Waren des täglichen Bedarfes. Darüber hinaus leisten städtische Funktionen, wie die Daseinsvorsorge, sowie der richtige Branchenmix einen Beitrag zur Attraktivität.
Die Realität sieht allerdings in vielen Stadtteilen anders aus – auch in der MEO-Region. Typische Probleme sind: Schlechter Branchenmix, ungenügende Nahversorgung, leerstehende Immobilien, vernachlässigte Fassaden bis hin zu ungepflegtem Grün. Nicht zuletzt sind vermehrt auch deutliche negative Tendenzen im sozialen Gefüge und Umfeld festzustellen. Vielfach versuchen Stadtteile einer nachteiligen Entwicklung mit einzelnen Maßnahmen entgegenzuwirken – oftmals jedoch ohne Erfolg.

Stadtteilentwicklung – ganzheitlich ist die Krux

In betroffenen Stadtteilen muss eine aktive, ganzheitliche Entwicklungsarbeit geleistet werden. Rein städtebauliche und/oder sozialräumliche Aufwertungs- und Entwicklungsmaßnahmen greifen dabei zu kurz. Bei einer nachhaltigen Stadtteilentwicklung spielen auch die lokale Versorgungsfunktion und die ökonomische Tragfähigkeit eine wichtige Rolle. Hinzu kommen die Erreichbarkeit und Zugänglichkeit sowie die Sicherheit und Sauberkeit.

Die IHK zu Essen setzt bereits seit Jahren verstärkt auf die Entwicklung von Stadtteilen. So wurden in Mülheim an der Ruhr, Oberhausen und Essen Entwicklungsprojekte in unterschiedlichen Stadtteilen durchgeführt. Ein einheitliches Projekt- oder Maßnahmenschema ist dabei nicht anwendbar. Zu verschieden sind die einzelnen Standorte. Lokale (sozio-ökonomische) Rahmenbedingungen und Akteurskonstellationen erfordern individuelle Vorgehensweisen.

Damit Stadtteile im Konkurrenzkampf bestehen können, müssen sie ein möglichst einzigartiges Profil entwickeln, marktfähige Angebote liefern und die Bevölkerung vor Ort binden. Dabei haben Lebensqualität und Wohlfühlfaktor einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Sowohl auf die Wirtschaftlichkeit des lokalen Handels als auch auf das Image des gesamten Stadtteils. Hierzu ist neben einer klaren Ausrichtung der örtlichen Politik für den Erhalt der Funktion des Stadtteils eine intensive Zusammenarbeit von Bewohnern, Einzelhändlern, Eigentümern und weiteren lokalen Akteuren erforderlich. Einzelakteure haben in der Stadtteilentwicklung wenig Aussicht auf nachhaltigen Erfolg.

Die IHK zu Essen versteht sich als Unterstützer, Ideengeber und Vermittler. Neben Studien und Umfragen im Stadtteil initiiert sie Kooperationen lokaler Akteure aus Wirtschaft, Politik und Bürgerschaft. Darüber hinaus steht die IHK Vereinen und Werbegemeinschaften beim Bestreben, das Niveau des Stadtteils zu erhöhen, zur Seite. Dazu gehören die Projektierung von Aktivitäten und Maßnahmen sowie die Umsetzungsplanung und Koordination.

Essen Frintrop-Bedingrade – Wie Stadtteilentwicklung aussehen kann

Seit Mai 2016 bringt sich die IHK zu Essen in die Entwicklung in Essen Frintrop-Bedingrade ein.

Um Ideen und Maßnahmen für einen Stadtteil zu entwickeln, ist es notwendig nicht nur einen Blick von außen auf die Gegebenheiten vor Ort zu werfen, sondern auch die Menschen vor Ort nach ihren Einschätzungen zu fragen. Deshalb hat die IHK zu Essen – unterstützt von der gut organisierten und aktiven Kaufmannschaft sowie dem ortsansässigen Bürger- und Verkehrsverein – im Sommer 2016 in Frintrop-Bedingrade eine groß angelegte Befragung durchgeführt. Insgesamt haben über 600 Kunden und 30 Gewerbetreibende Fragebögen ausgefüllt. Diese wurden von der IHK zu Essen ausgewertet.

Wesentliche Ergebnisse sind: Frintrop-Bedingrade hat sich in den vergangenen 5 Jahren – dem Empfinden der Befragten nach – negativ entwickelt. Einer der Hauptauslöser dafür ist die Schließung des lokalen Nahversorgers. Dies hatte den teilweisen Funktionsverlust des Stadtteils als Nahversorgungsstandort und einen Kaufkraftverlust durch die „Abwanderung“ von Kunden zur Folge. Als „Hauptwunsch“ gaben die Befragten die, seit Monaten verzögerte, Fertigstellung des geplanten Nahversorgungsstandortes an der „Frintroper Straße“ an. Zudem forderten die Befragten eine Verbesserung der Parkplatzsituation, ein noch breiteres gastronomisches Angebot und mehr Aufenthaltsqualität im Stadtteil.

Zusätzlich wurden Ortsbegehungen vorgenommen und Gespräche mit Vereinen und weiteren lokalen Institutionen geführt. Auf dieser Basis wurden – gemeinsam mit den lokalen Akteuren – erste Maßnahmen und Konzepte zur Aufwertung und Belebung des Stadtteils erarbeitet.

Ein wichtiger Meilenstein ist die Eröffnung des Frintroper Wochenmarktes im September 2016. Die IHK hatte sich gemeinsam mit lokalen Akteuren und der Stadt Essen dafür eingesetzt, dass in Frintrop wieder ein attraktiver Wochenmarkt an einem neuen Standort zu finden ist. Der Wochenmarkt füllt nicht nur aktuell die Nahversorgungslücke im Stadtteil, auch dient er den Menschen als Kommunikationsort und wird den Angebotsmix zukünftig bereichern. 
Zur Aufwertung und Attraktivitätssteigerung des Wohn- und Geschäftsumfelds im Stadtteil hat die IHK lokale Garten- und Landschaftsbauunternehmen gewinnen können, die Begrünung entlang der Hauptverkehrsachse „Frintroper Straße“ zu begleiten. Neben der optischen Aufwertung sollen ca.200 qm versiegelte Verkehrsflächen zu blühenden und ökologisch wertvollen Grünflächen umgestaltet werden.

Darüber hinaus ist beabsichtigt den Kulturpfad – ein Projekt des Bürger- und Verkehrsvereins Frintrop e.V. – stärker auf die Belange des Stadtteils auszurichten. Durch eine direkte Verbindung mit den Gastronomiebetrieben und Gewerbetreibenden im Stadtteil soll die Verweildauer von Gästen bzw. Kunden erhöht werden.
In 2017 ist für Frintrop-Bedingrade ein „Tag der Wirtschaft“ geplant. Unternehmer werden für gemeinnützige Einrichtungen im Stadtteil aktiv und zeigen Verantwortung über das eigene Unternehmen hinaus. Gemeinsam möchten Wirtschaft, gemeinnützige Einrichtungen und Bürger nachhaltige Verbesserungen im Stadtteil erreichen. Ein positiver Impuls, auch um neue Kunden und Investoren gewinnen zu können.

Zur nachhaltigen Entwicklung eines Stadtteils ist nicht nur die Verbesserung innerhalb der Stadtteilgrenzen notwendig. Der Stadtteil muss auch nach außen hin sichtbar werden. Eine einfache, jedoch weitreichende Möglichkeit könnte der Einsatz von NFC-Tags (Near Field Communication) im lokalen Einzelhandel sein. Ein Aufkleber am Fenster soll die Besucher darauf hinweisen, dass es den stationären Laden auch in der Online-Welt gibt. Die Verbindung zwischen Off- und Online-Erlebnis ermöglicht ein auf dem Aufkleber platzierter NFC-Tag, welcher den Kunden per Smartphone direkt auf die jeweilige Web- oder Facebook-Seite des Einzelhändlers führt. So kann der Einzelhändler auch außerhalb der Öffnungszeiten mit dem (potentiellen) Kunden in Kontakt treten oder – im Idealfall – kann es durch Kombination von Offline-Aktion und Online-Shop direkt zu einem Kauf führen.

Ausblick 

Die Erfahrungen der IHK zu Essen haben gezeigt: Die wichtigste Komponente einer nachhaltigen Stadtteilentwicklung ist ein ganzheitlicher Projektansatz. Ziel der gemeinsamen Aktivitäten zur Förderung der Entwicklung von Stadtteilen ist und bleibt, lokal angepasste und finanzierbare Maßnahmen und Ansätze auch kleinräumiger städtebaulicher Entwicklung zu implementieren. Darüber hinaus müssen die Verbesserung des Handels- und Dienstleistungsbesatzes und der Infrastruktur sowie Marketingaktionen gemeinsam entwickelt werden. Wichtig sind dabei intensive Kommunikation und die Vernetzung der einzelnen Akteure, um die Stadtteile aus sich heraus zu stärken.